Wir sprechen täglich von Kultur: von „deutscher Kultur“, „Unternehmenskultur“, „Kulturhauptstadt“ oder „Kulturschock“. Aber was genau verbirgt sich hinter diesem Wort? Kultur ist kein starres Museumsstück, sondern ein lebendiges, dynamisches System, das unser Denken, Fühlen und Handeln prägt – oft ohne dass wir es bewusst wahrnehmen.
In diesem Artikel versuchen wir uns an einer Erklärung, woher der Begriff kommt, was Kultur alles umfasst und warum sie im Alltag so wichtig ist.
Die Grunddefinition: Kultur als „alles Menschengemachte“
Das Wort Kultur stammt vom lateinischen cultura ab und bedeutete ursprünglich „Bearbeitung“ oder „Pflege“ – vor allem des Ackerbodens. Im übertragenen Sinne meint es heute die Pflege und Gestaltung des menschlichen Zusammenlebens.
Eine der bekanntesten wissenschaftlichen Definitionen stammt vom britischen Anthropologen Edward B. Tylor aus dem Jahr 1871:
„Kultur ist jener Inbegriff von Wissen, Glauben, Kunst, Moral, Gesetz, Sitte und allen anderen Fähigkeiten und Gewohnheiten, welche der Mensch als Mitglied der Gesellschaft erworben hat.“
Einfach ausgedrückt: Kultur ist alles, was Menschen erschaffen und an nachfolgende Generationen weitergeben, um ihr Leben zu organisieren. Dazu gehören nicht nur Theater, Musik und Literatur, sondern auch ganz alltägliche Dinge wie Brotzeit, Begrüßungsrituale, Verkehrsregeln oder die Art, wie wir Konflikte lösen.
Die zwei großen Ebenen von Kultur
Kultur lässt sich grob in zwei Ebenen unterteilen, die sich gegenseitig beeinflussen:
1. Hochkultur: Hierzu zählen die klassischen Bereiche der „gehobenen“ Kultur: Literatur, Musik, Theater, bildende Kunst, Philosophie und Wissenschaft. Beispiele: Goethes Faust, Beethovens 9. Sinfonie, die Gemälde von Caspar David Friedrich oder das deutsche Bildungssystem.
2. Alltagskultur (Alltags- oder Populärkultur): Das ist die Kultur, die wir täglich leben: Wie wir essen, uns kleiden, feiern, sprechen und miteinander umgehen. Beispiele: Der deutsche Brotkorb mit 20 verschiedenen Brotsorten, das Oktoberfest, die Kaffeekultur mit Filterkaffee und Kuchen, die Unterscheidung zwischen „Du“ und „Sie“, oder wie wir in der Bahn Abstand halten.
Beide Ebenen gehören zusammen – Hochkultur entsteht oft aus der Alltagskultur und beeinflusst sie wiederum.
Kultur als „kollektives Programm des Gehirns“
Der niederländische Kulturforscher Geert Hofstede beschreibt Kultur als „Software des Geistes“ oder „kollektives Programm des Gehirns“. Es ist ein unsichtbares Regelwerk, das die Mitglieder einer Gruppe von anderen unterscheidet. Dazu gehören:
- Werte (z. B. Pünktlichkeit, Umweltschutz, Familie, Leistung)
- Normen (was als höflich, normal oder tabu gilt)
- Symbole (Sprache, Gesten, Nationalfarben, Kleidung)
- Rituale (Weihnachtsfeiern, Geburtstagsrituale, Händeschütteln oder „Tschüss“ sagen)
- Weltbilder (Vorstellungen von Gerechtigkeit, Zeit, Erfolg oder Religion)
Kultur gibt uns Orientierung und Sicherheit – sie sagt uns, ohne dass wir ständig nachdenken müssen, was in einer Situation angemessen ist.
Kultur ist gelernt – und veränderbar
Wichtig: Kultur ist nicht angeboren, sondern wird erlernt. Kinder übernehmen sie durch Familie, Kita, Schule, Freunde und Medien. Deshalb kann ein Kind deutscher Eltern, das in Japan aufwächst, stark japanisch geprägt sein.
Gleichzeitig ist Kultur dynamisch. Sie verändert sich durch:
- Migration und Globalisierung
- Technologie (z. B. die Entstehung einer digitalen Netzkultur mit eigenen Regeln und Memes)
- Gesellschaftliche Entwicklungen (z. B. mehr Nachhaltigkeitsbewusstsein oder veränderte Geschlechterrollen)
Kultur vs. Zivilisation
Manchmal wird Kultur von „Zivilisation“ unterschieden:
- Kultur betont eher die geistigen, künstlerischen und wertebasierten Aspekte.
- Zivilisation steht für technische und gesellschaftliche Errungenschaften (Infrastruktur, Rechtssystem, Wirtschaft).
In der Alltagssprache werden beide Begriffe jedoch meist synonym verwendet.
Kultur in der modernen deutschen Gesellschaft
Deutschland ist heute ein sehr vielfältiges Land. Menschen aus über 190 Nationen leben hier zusammen. Das führt zu spannenden kulturellen Mischformen: Döner mit Pommes, türkisch-deutsche Hochzeitsbräuche, Hip-Hop auf Deutsch oder Weihnachtsmarkt mit Glühwein und türkischem Baklava.
Gleichzeitig wird intensiv über „Leitkultur“, Integration und gemeinsame Werte diskutiert. Auch in Unternehmen spielt Kultur eine große Rolle: Flache Hierarchien, Work-Life-Balance oder die Frage, ob man nach Feierabend noch Mails beantwortet – all das ist Ausdruck von Unternehmenskultur.
Kultur ist das, was uns verbindet und unterscheidet
Kultur ist das unsichtbare Gerüst, das unser Zusammenleben formt. Sie schenkt uns Identität und Orientierung, kann aber auch zu Missverständnissen führen, wenn unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen.