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Welche Bedeutung hatten Katzen im Mittelalter?

Katzen wecken bei vielen Menschen heute Bilder von Kuscheltieren, Internet-Memes und liebevollen Gefährten. Im Mittelalter (etwa 500–1500 n. Chr.) war ihr Bild jedoch deutlich ambivalenter: Sie waren gleichzeitig hochgeschätzte Helfer im Alltag und zunehmend Objekte von Misstrauen und Verfolgung. Während sie in Klöstern und auf Bauernhöfen Mäuse jagten und Vorräte schützten, verband die Kirche sie später mit Hexerei, Ketzerei und dem Teufel. In diesem Artikel beleuchten wir die vielschichtige Rolle der Katze im mittelalterlichen Europa – von praktischem Nutzen bis zu düsterem Aberglauben. Die Geschichte zeigt, wie stark gesellschaftliche Ängste und religiöse Narrative das Verhältnis zu Tieren prägen können.

Frühes Mittelalter: Katzen als wertvolle Nützlinge

In der frühen Phase des Mittelalters (ca. 500–1100) galten Katzen vor allem als praktische Helfer. Nach den Wirren der Völkerwanderung und durch Kontakte mit Wikingern wurden Hauskatzen in Europa seltener und damit wertvoller. Sie schützten Getreidevorräte, Scheunen und Vorratskammern vor Mäusen und Ratten – eine lebenswichtige Aufgabe in einer Zeit, in der Hunger eine ständige Bedrohung war.

Gesetze unterstrichen ihren hohen Stellenwert. Der walisische König Hywel Dda (gest. 950) legte im 10. Jahrhundert sogar den Preis einer Katze fest: Eine ausgewachsene, mäusejagende Katze war vier Pence wert – vergleichbar mit dem eines Schafs oder einer guten Milchkuh. Das walisische Gesetz definierte ihre „Pflichten“ klar: Sie sollte sehen, hören, Mäuse töten und Junge aufziehen, ohne verbrannte Krallen zu haben oder übermäßig zu Jaulen. Wer eine Katze tötete oder stahl, musste hohe Strafen zahlen.

In Klöstern und Skriptorien hielten Mönche Katzen, um kostbare Pergamente und Bücher vor Nagetieren zu schützen. Manche illuminierten Handschriften zeigen Katzen liebevoll dargestellt – manchmal sogar mit echten Pfotenabdrücken als stille Zeugen ihrer Anwesenheit.

Alltag und Haustier: Katzen als Begleiter in Klöstern und Haushalten

Katzen waren nicht nur Arbeitstiere, sondern oft auch Gefährten. In Klöstern und bei Einsiedlern durften sie als einziges Haustier gehalten werden, um Einsamkeit zu lindern. Ihre unabhängige, aber anhängliche Art machte sie zu beliebten Mitbewohnern bei Bauern, Handwerkern und Adligen.

Im Gegensatz zu Hunden, die häufig als Statussymbol galten, waren Katzen eher unauffällige, aber geschätzte Mitglieder des Haushalts. Ihr Nutzen überwog klar: Ohne sie hätten Schädlinge Vorräte schneller vernichtet und Hungersnöte verstärkt.

Spätes Mittelalter: Aberglaube und Dämonisierung

Ab dem 13. Jahrhundert änderte sich das Bild dramatisch. Die Kirche kämpfte verstärkt gegen heidnische Überreste und ketzerische Bewegungen. Katzen – besonders schwarze – wurden mit vorchristlichen Göttinnen (z. B. Freyja bei den Germanen oder Bastet aus Ägypten) in Verbindung gebracht und daher verteufelt.

Ein wichtiger Wendepunkt war die päpstliche Bulle Vox in Rama von Papst Gregor IX. im Jahr 1233. Sie reagierte auf angebliche satanische Rituale der Katharer und Stedinger in Deutschland. Darin wurden Katzen, vor allem schwarze, als Verkörperung des Teufels beschrieben. Inquisitoren berichteten von Ritualen, bei denen ein schwarzer Kater geküsst wurde (Osculum infame). Obwohl viele dieser Vorwürfe übertrieben oder erfunden waren, verankerte sich das negative Bild tief im kollektiven Bewusstsein.

In der Folge kam es zu lokalen Verfolgungen: Katzen wurden von Kirchtürmen geworfen, verbrannt oder in grausamen „Katzenorgeln“ gequält. Besonders während der großen Pestwellen ab 1347 galten sie fälschlicherweise als Pestüberträger oder Verbündete von Hexen. Ironischerweise verschlimmerte die Dezimierung der Katzen die Seuche, weil Rattenpopulationen unkontrolliert wuchsen.

Katzen in Kunst, Literatur und Volksglauben

In mittelalterlichen Manuskripten und Randzeichnungen erscheinen Katzen oft humorvoll oder symbolisch – mal als geschickte Mäusejäger, mal als Sinnbild für Wollust, Trägheit oder das Böse. In der christlichen Ikonographie konnten sie Sünde verkörpern, aber auch Freiheit und Unabhängigkeit. Im Volksglauben galten sie als Gestaltwandler: Hexen sollten sich in Katzen verwandeln können.

Trotz der negativen Tendenzen gab es weiterhin viele Menschen, die Katzen mochten und hielten. Der Hass war nie universell, sondern vor allem in kirchlich stark geprägten und von Angst bestimmten Kreisen verbreitet.

Regionale und kulturelle Unterschiede

In Europa dominierte die ambivalente bis negative Sicht, besonders in Mitteleuropa und Frankreich. In der islamischen Welt des Mittelalters (z. B. im Kalifat) galten Katzen hingegen als rein und wurden hochgeschätzt – der Prophet Mohammed soll Katzen geliebt und sogar seinen Ärmel abgeschnitten haben, um eine schlafende Katze nicht zu stören. Das zeigt, wie stark die Bewertung vom kulturellen und religiösen Kontext abhängt.

Katzen im Mittelalter: Eine ambivalente Beziehung mit langem Nachhall

Katzen hatten im Mittelalter eine doppelte Bedeutung: Als unverzichtbare Nützlinge und treue Begleiter waren sie geschätzt, doch durch kirchliche Dämonisierung und Aberglauben wurden sie zunehmend zu Symbolen des Bösen. Die Verfolgungen des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit haben das Bild der (schwarzen) Katze als Unglücksbringer bis heute geprägt – auch wenn viele Geschichten übertrieben sind oder später hinzugefügt wurden.

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