Wulf Dorn: Kalte Stille - neuer Thriller des Bestseller-Autors

Wulf Dorn: Kalte Stille - © Heyne Verlag
Wulf Dorn: Kalte Stille - © Heyne Verlag
Seit "Trigger" gehört Wulf Dorn zu den Stars der deutschen Thriller-Szene. Zu Recht, wie er auch mit seinem zweiten Roman "Kalte Stille" beweist.

Wie viele Schicksalsschläge kann ein Mensch ertragen? Jan Forstner ist elf Jahre alt, als vor seinen Augen eine junge Nachbarin im Eis einbricht und ertrinkt. Sein Rettungsversuch ist vergeblich. Das Opfer ist Patientin in der psychiatrischen Klinik, in der Jans Vater arbeitet.

Vater, Mutter, Bruder sind tot oder verschwinden – plötzlich ist Jan allein und fühlt sich schuldig

Jan will mit Stimmen aus dem Jenseits am Ort des Unglücks experimentieren, als sein jüngerer Bruder ihm nachts folgt. Plötzlich ist Sven verschwunden. Die Eltern geben Jan dafür die Schuld. Sein Vater kommt bei einem Autounfall ums Leben, der auch etwas mit dem Verschwinden des Bruders zu tun hat. Denn der Unfall scheint eher ein Mord zu sein, wie der Leser gleich zu Beginn des Romans ahnt.

Und dann begeht auch seine Mutter Selbstmord, weil sie die Schicksalsschläge nicht erträgt. Sie hasst ihren Sohn und bestraft ihn, indem sie ihren Selbstmord so inszeniert, dass Jan sie mit aufgeschlitzten Pulsadern in der Badewanne findet.

Als Erwachsene beginnt Jan mit der Aufarbeitung seines Traumas

Erst als Erwachsener, Jan ist inzwischen wie sein Vater Psychiater, beginnt er mit der Aufarbeitung seiner traumatischen Kindheitserlebnisse. Mit Mitte 30 holt ihn seine Vergangenheit ein als er bei einem Kinderschänder die Nerven verliert. Die Erinnerungen an seinen verschwunden Bruder kommen wieder hoch. Jan schlägt in blinder Wut auf den Mann ein: "Nicht aus Wut auf einen Perversen, der den Tod eines kleinen Mädchens ... zu verantworten hatte - nein, es war die Wut auf sich selbst gewesen. Auf eine Suche nach Wahrheit, die zu einer Obsession ausgeartet war."

Jan bekommt eine neue berufliche Chance, ausgerechnet an der Klinik, in der auch sein Vater gearbeitet hat. Aber kaum begibt sich Jan auf Spurensuche, begehen zwei weitere Menschen vor seinen Augen Selbstmord. Und auch diese beiden Taten scheinen etwas mit den mysteriösen Vorkommnissen seiner Kindheit zu tun zu haben.

Und als Jan in der Bibliothek nach den alten Krankenakten forscht, sind die verschwunden. Offenbar will jemand etwas vertuschen. Jan ist einem dunklen Geheimnis auf der Spur bei dem er selbst eine wichtige Rolle spielt. Nur welche? Eine Patientin der geschlossenen Abteilung schaut ihm tief in die Seele: "Du bist einer wie viele hier. Jemand wie ich. Ein Gefangener, der gleichzeitig sein eigenes Gefängnis ist."

Schuld ist das große Thema von Dorns Roman "Kalte Stille"

Jan kämpft mit einem Dämon: Schuld. Immer wird das Thema Schuld angesprochen, es ist ein zentrales Motiv des Romans "Kalte Stille". Auch der Täter denkt über seine Schuld nach, ohne dass der Leser weiß, wer es ist: "Schuld ist wie eine Krankheit, dachte er. Sie zerfrisst jede Faser des Körpers wie ein tödliches Geschwür. Und es gibt keine Therapie dagegen."

Eines der Opfer fühlte sich von einem Dämon verfolgt. Jan erklärt es sich so: "Der Dämon war ein Symbol. Ein Symbol für ihre Ängste, aber auch für ihre Schuldgefühle. Ich bin mir sicher, dass sie mit dem Dämon ihre Schuldgefühle gemeint hat."

Ein großes Thema in der Literatur. Doch während es in Romanen wie in Emmanuel Boves "Schuld" oder in Paul Austers "Unsichtbar" tiefgründig behandelt wird, ist es hier zwar auch Motivation für das Handeln der Figuren, bleibt aber oberflächlich angerissen und verpufft ohne Spuren beim Leser zu hinterlassen, weil alles der Spannung untergeordnet wird.

Bei Dorn steckt mehr drin als nur Mord und Totschlag

Man fragt sich als Leser oft, ob bei Wulf Dorn literarisch nicht noch mehr drin wäre. Sein Roman könnte nämlich auch ohne die vielen Verbrechen und die mysteriösen Elemente funktionieren. Seine psychologischen Charakterzeichnungen sind stellenweise sehr gut, da steckt mehr drin als Mord und Totschlag.

Es ist sogar so, dass die Effekte für Nicht-Thrillerfans ein wenig penetrant wirken. Weniger wäre bei Dorn mehr. Die Häufung der Toten geht manchmal auf die Nerven. "Drei Menschen, die sich seit Jans Rückkehr nach Fahlenberg das Leben genommen hatten. Vor seinen Augen. Es war, als zöge er das Unheil an." Und damit sind nicht die anfangs erwähnten Toten gemeint. Dazu kommen im Laufe des Romans weitere Mordopfer.

Nach "Trigger" dürfte auch "Kalte Stille" ein Erfolg werden

Mit "Trigger" gelang Wulf Dorn 2009 ein bei Publikum und Kritikern gleichermaßen geschätzter Thriller. Auch der Nachfolger dürfte an den Erfolg anknüpfen. Dorn kennt sich in der Psychiatrie aus und er kann das sehr gut beschreiben. Schaut man sich einen Roman der Weltliteratur an wie Richard Yates "Ruhestörung", dann sieht man, dass für mitreißende Szenen in der Psychiatrie keine Gruseleffekte notwendig sind.

Bei Dorn aber ist alles der Spannung und dem Effekt untergeordnet. Er schreibt auf das im Thriller-Genre übliche Finale zu, das alle Rätsel auflöst. Während er sich anfangs noch Raum lässt für Charakterisierungen und sehr gut ausgearbeitete Szenen, geht es am Ende nur noch um die Frage: Wer ist der Bösewicht und welches Motiv hat er für seine grausamen Taten.

Aber darf man das einem Thrillerautor vorwerfen? Wohl kaum. Bei Thrillerfans dürfte Dorn wieder weit vorn liegen. In einem Interview hat Dorn gesagt: "Mein wichtigstes Ziel ist es, meine Leser zu unterhalten." Das gelingt ihm nach "Trigger" auch mit "Kalte Stille" wieder sehr gut.

Wulf Dorn: Kalte Stille. Roman Heyne Verlag, 448 Seiten, 16,99 Euro

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