Selten zuvor sorgte ein Horrorfilm bereits mit dem Trailer für dermaßen helle Aufregung, wie der holländische Streifen „The Human Centipede (First Sequence)“. „Widerlich“, „krank“ oder schlichtweg „pervers“ lautete es in zahlreichen Rezensionen. Tatsächlich stößt alleine die Prämisse des Films bei vielen Kritikern an die Grenzen des Erträglich: Verrückter deutscher Arzt erschafft mit unfreiwilliger Hilfe dreier Touristen einen menschlichen Hundertfüßer.
Der im August 2010 auf dem Berliner Fantasy Filmfest seine Deutschland-Premiere feiernde Horrorfilm darf sich über reichlich unbezahlte Publicity freuen. Doch ist all die Aufregung überhaupt berechtigt oder handelt es sich nicht vielmehr um einen letztendlich harmlosen cineastischen Ulk mit Lust an der Provokation?
Dr. Heiter – Der Arzt, dem die Frauen leider vertrauen
Die US-amerikanischen Touristinnen Lindsay (Ashley C. Williams) und Jenny (Ashlynn Yennie) urlauben in Deutschland und mieten ein Auto, um zu einer Party zu fahren. Doch auf dem Weg dorthin platzt mitten im Nirgendwo ein Reifen. Den Pannendienst können sie nicht rufen, da sie sich in einem Funkloch befinden, und der einzige ihnen entgegenkommende Autofahrer stellt sich als ausschließlich deutsch sprechender Lüstling ohne Manieren heraus.
Deshalb suchen die beiden jungen Frauen im angrenzenden Wald nach einem Haus, von wo aus sie den Pannendienst von ihrer misslichen Lage verständigen können. Glück im Unglück: Prompt stoßen sie auf das Haus von Dr. Heiter (Dieter Laser). Unglück im (vermeintlichen) Glück: Der Arzt stellt sich als Psychopath heraus, der Lindsay und Jenny betäubt und in seinen privaten Operationssaal verfrachtet und dort festhält.
Nach dem bitteren Erwachen müssen die beiden Amerikanerinnen feststellen, dass sie nicht Dr. Heiters erste Opfer sind. Neben ihnen befindet sich ein kurz vorher entführter Fernfahrer (Rene de Wit), der vom gefühllosen Chirurgen per Giftspritze ermordet wird, da er nicht zu den Körpern der Neuankömmlinge passe. Denn: Dr. Heiter plant die Erschaffung eines menschlichen Hundertfüßers, indem er drei Menschen mit dem Mund an das jeweilige Hinterteil des Vordermanns annäht. Nachdem er den japanischen Touristen Katsuro (Akihiro Kitamura) außer Gefecht gesetzt und in seine Schreckenskammer verschleppt hat, macht sich der allen Menschen feindlich gesonnene Arzt an die Realisierung seines Experiments. Für die drei Gefangenen beginnt ein grauenhafter Alptraum ohne Erwachen und Ende …
„The Human Centipede (First Sequence)“ – heißer gekocht, als gegessen
Wer sich für das Horrorgenre auch nur im Entferntesten interessiert, kam 2009 und 2010 an den Trailern und Rezensionen zu Tom Six’ „The Human Centipede (First Sequence)“ einfach nicht vorbei. Einige hielten sowohl den Trailer als auch die Plotidee für einen üblen Scherz, wurden jedoch eines Besseren belehrt. Der Film wurde produziert, wobei Six („Gay in Amsterdam“) mit allerlei Tricks und Verschleierungstaktiken arbeiten musste, um Geldgeber und Schauspieler zu finden.
Die Frage, die sich unweigerlich stellt, lautet natürlich: Verdient sich der Streifen seinen zweifelhaften Ruf und die teils empörten Kritiken? Die gerade für Fans des Horrorgenres wohl ernüchternde Antwort lautet: Nein. „The Human Centipede (First Sequence)“ wurde erheblich heißer gekocht, als er gegessen wird. Filme wie „Hostel“ schlagen auf Grund ihrer expliziten Gewaltdarstellungen erheblich stärker auf den Magen und bieten darüber hinaus eine kohärente und spannende Handlung bis zum Ende. Anders hingegen „The Human Centipede (First Sequence)“: Dieser Streifen verdankt seine Entstehung einzig und allein einer zugegebenermaßen beeindruckend widerwärtigen Idee. Nach deren filmischen Umsetzung ist die Luft völlig draußen. Die notdürftig zusammengeschusterte Handlung dient lediglich als Füller, um wenigstens auf knapp 90 Filmminuten zu kommen.
Konventionelle Handlung, großartiger Dieter Laser
An Konventionalität ist diese Handlung nur schwer zu unterbieten. Folglich bedient sie auch so gut wie jedes Horrorklischee. Angefangen von nicht empfangsbereiten Handys, über Psychopathen, denen im realen Leben niemand auch nur die Hand geben würde, die im betreffenden Film aber offenbar vertrauenswürdig genug erscheinen, damit spätere Opfer das mit Schlafmitteln versehene Wasser brav trinken, bis hin zu dümmlich agierenden Polizeibeamten.
Für den einzigen Lichtblick sorgt die Verkörperung des wahnsinnigen Dr. Heiter durch den Routinier Dieter Laser (unter anderem: „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, „Operation Ganymed“, „Gespräch mit dem Biest“). Laser verleiht der im Grunde völlig charakterlosen Figur zumindest ansatzweise ein Profil. Angesichts der nur grob skizzierten Handlung eine beeindruckende Leistung.
Dr. Mengele im Zentrum eines Witzes
Angeblich soll Tom Six die Prämisse zu „The Human Centipede (First Sequence)“ bei einem Gespräch mit Freunden eingefallen sein, als jemand vorschlug, Kinderschänder mit dem Mund ans Hinterteil von Fernfahrern anzunähen. Leider ragt der Film über das Stadium eines makabren Witzes nicht hinaus, was bereits beim Antagonisten deutlich zu erkennen ist. Dr. Heiter (wenig subtile sprachliche Anlehnung an „Hitler“) tritt in die Fußstapfen des berüchtigten Dr. Mengele, der vor allem auf Grund seiner grausamen Experimente – unter anderem mit Zwillingen, wovon ein Bild im Wohnzimmer des Dr. Heiter verkündet – zum Sinnbild eines zum „Dr. Tod“ pervertierten Arztes avancierte.
Auch in diesem Punkt kann man Tom Six Einfallsreichtum nicht vorwerfen: Ein an Dr. Mengele gemahnender Arzt ohne jeglichen Ethos, der in Deutschland grausame Experimente durchführt, könnte in keinem Groschenroman billiger beschrieben werden.
Viel Hype, nichts dahinter
Wer sich wenigstens einen unappetitlichen Splatter von dem Werk erwartet, wird enttäuscht. In jedem zweitklassigen Horrorwerk fließen mehr Blut und etwaige andere Körperflüssigkeiten. Zudem verweigert sich der Film eindeutigen, anatomischen Darstellungen des menschlichen Hundertfüßers. In keiner einzigen Einstellung oder Szene wird ersichtlich, auf welche Weise die Münder der bedauernswerten Opfer mit dem Anus des jeweiligen Vordermanns verbunden wurden.
Darin kann man eine Aufforderung an den Zuschauer sehen, die eigene Phantasie spielen zu lassen. Oder aber eine billige Ausrede, um die Kosten niedrig zu halten.
„The Human Centipede (First Sequence)“ erinnert fatal an „Paranormal Activity“. Viel Hype, hinter dem sich ein gigantisches Nichts verbirgt. Ob das 2011 erscheinende Sequel „The Human Centipede II (Full Sequence)“ eine deutlich als solche erkennbare Handlung abliefern wird können, scheint fraglich. Künstlicher Hype und durchsichtige Provokation genügen offenbar, um ansprechende Erfolge zu erzielen.
