
- Fauen sind freundschaftsbegabter - Gabriele Hefele
Arme Single-Gesellschaft! Die Schwierigkeiten, eine längere beglückende Beziehung zu führen, scheint nun auch das Gebiet der Freundschaft erfasst zu haben. Oder warum bedarf es eines Freundschaftsratgebers eines Psychotherapeuten, der sich in seiner Praxis sogar auf Freundschaftsberatung spezialisiert hat?
Ohne Zweifel sind gute Freunde wichtig in unserem Leben, manchmal mehr, manchmal weniger. Laut einer Allensbach-Umfrage glauben 51 Prozent der Deutschen, durch Freunde glücklich zu werden, aber nach einer Studie ergab sich, dass 20 Prozent keinen einzigen Freund haben! Diese Zahlen zitiert Dr.phil. Wolfgang Krüger zu Beginn seines neuen Herder-Taschenbuches und lässt dann ein Feuerwerk der Ratschläge rund um die Freundschaft los, so dass kein Problem dazu unbeleuchtet und unbehandelt bleibt.
Freundschaften müssen gepflegt werden
Leider geht es gleich weiter mit Arbeit, die auch so gerne bei Liebesbeziehungen bemüht wird: Man soll mehr Zeit in seine Freundschaften investieren, also mindestens zwei Stunden pro Woche oder einen Abend, so die genaue Gebrauchsanweisung des Psychologen in Berlin. Das Wort "müssen" wird auffallend häufig von ihm verwendet. Das schreckt erst einmal ab. Doch liest man weiter, reiht Krüger gründliche Ratschläge aneinander, die zu wertvollen Aha-Erkenntnissen werden können. Gründlich ist eine der Eigenschaften, die einem zu diesem Buch auf jeden Fall einfällt, denn Krüger lässt nichts aus. So erfährt man die sieben Gründe für Freundschaften, darunter,
- dass uns Freunde zu einem besseren Immunsystem verhelfen,
- sie unser Ich stärken,
- uns über Krisen leichter hinweg helfen
- Sorgen verringern,
- Sicherheit geben
- und sie uns letzten Endes deshalb auch länger leben lassen.
Wie findet man neue Freunde und wie erkennt man einen wirklichen Freund?
Das sind zwei wichtige Kapitel in dieser Neuerscheinung. Natürlich kommt die alte Binsenweisheit zu ihrem Recht, dass sich unter Gleichgesinnten besser Kontakte finden lassen, also unter Hundebesitzern beim Gassigehen, Fitnessclubbesuchern, Babywagenschieber und dergleichen mehr. Aber es geht auch nicht nur um uns zugewandte Menschen, sondern auch um Bücher, die gute Freunde sein können, um den Tod, den man als Freund begrüßen kann. Humorlose Menschen eignen sich nicht gut als Freunde, da muss man Krüger sehr recht geben! 12 Freundschaftstests finden sich ebenfalls zwischen den 191 Seiten.
Man sollte aber auch selbst sehen, dass man kein Langweiler ist und vor allem, dass man ein gesundes Selbstvertrauen entwickelt, selbst auf andere zugehen kann. Damit wäre man bei der klassischen Psychotherapie, das kann Krüger nicht verleugnen.
Durchschnittsfreundschaften, Busenfreundschaften, Bekanntschaften und Zitaten-Sammlung
Nicht immer kann man mit dem Autor einig sein: Entgegen seiner intensiven Freundschaftsarbeit gibt es auch immer wieder Freunde im Leben, die hat man zehn Jahre lang nicht gesehen und gesprochen, dann kommt es zu einem Treffen und es ist wie gestern, ohne trennende Verlegenheit, ohne Vorwürfe. Das sind die Freunde, die dann auch in echten Krisen einem zur Seite stehen, während all die Bussi-Bussi-Austeiler dann plötzlich verschwunden sind. Außerdem unterscheidet er umständlich zwischen Freundschaften und so genannten Durchschnittsfreundschaften. Es geht auch einfacher: Letztere nennt man auch Bekanntschaften. Er trauert auch den engen Busenfreundschaften der Jugendzeit nach, die sich seiner Meinung nach im weiteren Leben nie mehr so ergeben. Die Kollegen von der Entwicklungspsychologie könnten ihm dabei mit der Erklärung helfen, dass in der Pubertät die gleichaltrige soziale Gruppe zur Ablösung vom Elternhaus enorm wichtig ist und deshalb die Clique eine überragende Bedeutung in diesem Alter spielt.
Apropos Alter: Das Buch sollten vor allem Rentner und Rentnerinnen lesen, die besonders unter der Vereinsamung leiden. Was aber Philologen und Bücherfreunde freuen wird, sind die eingestreuten vielen passenden und erhellenden Zitate aus der Weltliteratur von Goethe bis Zuckmayer, von Maxim Gorki bis Henry Miller, von Gottfried Keller bis Golo Mann. Es fällt zwar auf, dass die moderne Gegenwartsliteratur nicht vorkommt, da hört es bei Krüger in der Mitte des letzten Jahrhunderts auf, aber das war eine Fleißarbeit genauso wie die genauen Quellenangaben.
Wolfgang Krüger: Wie man Freunde fürs Leben gewinnt. 191 Seiten. Herder Verlag, Freiburg. 9,95 Euro. ISBN: 978-3-451-06085-4
