
- Ein bisschen Wulff in jedem von uns? - WDR/ARD/Marco Grob
Seit Anfang Dezember läuft die Medien-Kampagne gegen Bundespräsident Christian Wulff. Ob die Vorwürfe zu Recht erhoben werden und on Gesetzesverstöße vorliegen, ist noch nicht anschließend geklärt. Das letzte Wort haben, wenn überhaupt, die zuständigen Juristen. Und dennoch boomt in den Talk-Shows immer noch das Thema, obwohl schon längst alles gesagt sein dürfte. In den letzten sechs Wochen – trotz einer zum Teil vierwöchigen Weihnachtspause – hat sich das Überangebot an Talk-Shows 14 Mal in verschiedenen Formulierungen des Themas dem immer wieder gleichen Thema Wulff zu nähern versucht. Wem nützt das eigentlich? Aber vielleicht beerdigt ja diese Sendung endlich das Thema Wulff. Möge es erst dann wieder aufleben, wenn es wirklich Neues gibt.
Entgleisungen in Talk-Shows
Vielleicht weil schon alles gesagt worden ist, mussten „Gags aus den untersten Schubladen“ herhalten, um die Sendezeit zu füllen. So griff Günther Jauch nicht ein, als in seiner Sendung ein Gast in der Vita von Christian Wulffs Gattin Bettina herumwühlte und völlig aus der Luft gegriffene üble Verdächtigungen äußerte. Der wohl überforderte Jauch griff weder ein noch kam er auf die Idee einer Entschuldigung.
Und wenn der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach in einer anderen Talk-Show dem Studiopublikum kurzfristig einen Lacher entlockte, als er meinte, er habe „gewulfft“, war das reine Effekthascherei. Denn er hatte einen Schokoriegel „mitgehen lassen“, ohne zu fragen und ohne zu bezahlen. Juristisch ist das Diebstahl beziehungsweise Mundraub, wenn er den Riegel später verzehren wollte. Um Diebstahl ging es aber in keinem der Wulff angelasteten Sachverhalte.
Diese nur zwei Beispiele mögen zeigen, dass das Thema von Medien und Politikern weiter „am Kochen gehalten“ wird. Schon das ZDF-Politbarometer vor 14 Tagen hatte die Wählermeinung dargestellt. Danach hielten 34 Prozent Wulff für glaubwürdig, 61 Prozent nicht. Dennoch waren 50 Prozent der Wähler für seinen Verbleib im Amt, aber 72 Prozent hielten sein Amt für dauerhaft beschädigt. Dazu mögen solche geduldeten oder gewollten Entgleisungen und das bemühte Weiterköcheln des Themas durch die Medien und die Talk-Shows eine Menge beigetragen haben.
Die Gäste bei „Menschen bei Maischberger“
Als Gäste zum Thema „Die Schnorrer-Republik: Sind wir alle ein bisschen Wulff?“ wurden folgende Gäste eingeladen:
Der Filmregisseur Dieter Wedel kritisiert die Unverhältnismäßigkeit der Vorwürfe gegen Wulff. Ein Upgrade im Hotel oder Flugzeug wäre ihm stets willkommen. Als Politiker stünde er immer am Pranger.
Lea Rosh ist Journalistin und TV-Moderatorin. Sie lässt sich von der Redaktion wie folgt zitieren: „Der Bundespräsident habe in seiner Hannoveraner Amtszeit gegen das Ministergesetz verstoßen. Das ist keine Lappalie“. Frau Rosh ist eine Journalistin, nimmt aber für sich in Anspruch, vor einer abschließenden juristischen Prüfung bereits ein Urteil fällen zu können. Das ist wie Alice Schwarzer während des Kachelmann-Prozesses. Ist das wieder nur Effekthascherei? Im übrigen hätte sie als stilsichere Journalistin wissen müssen, dass es eine hannoversche Amtszeit war und Hannoveraner entweder eine Pferderasse oder die Einwohner Hannovers sind.
Der SPD-Politiker Karl Lauterbach wurde bereits angesprochen. Er meint, „Politiker müssten keine Heiligen sein, aber sie brauchen eine hohe Integrität.
Der Historiker Arnulf Baring nennt die Vorwürfe Petitessen und befürchtet, dass mit dem jetzigen Gerede die öffentlichen Ämter völlig in Misskredit geraten und sich niemand mehr in die Politik trauen werde.
Die frühere SPD Bundestagsabgeordnete Lilo Friedrich verteidigt den Bundespräsidenten: "Wollen wir einen gläsernen Heiligen auf dem Podest oder wollen wir einen Menschen aus dem Volk wie du und ich? Wen wollen wir denn noch dahin setzen?" fragt sie. Wulff mache einen guten Job, "dabei war er nicht mein Wunschkandidat"..
Quelle:ARD-Pressemeldung
