
- Der kleine Nick, Maxime Godart, Laurent Tirard - Central Film
Welche Filmszenen aus „Der kleine Nick“ waren für Sie als Regisseur am humorvollsten?
Laurent Tirard exklusiv zu Suite101.de: „Für mich war ganz besonders interessant, als wir die Szene mit dem unbebauten Terrain drehten, wo den Kindern der Zaubertrank verabreicht wird und der Junge den Lieferwagen mit eigener Kraft umschmeißt. Das hat mir einerseits großen Spaß gemacht, weil diese Szene mich ganz besonders an Jacques Tati und den Film 'Mein Onkel' erinnert. Und aus dem anderen Grund, weil dieser kleine Junge sich nicht der Tatsache bewusst war, dass es sich hier um Kino handelt, als wir diese Szene gedreht hatten. Und dann stand er da, und schmiss diesen Wagen um, und dachte, er wäre es selbst gewesen! Diese Überraschung, fast Erschütterung und diese Freude, die man im Film nämlich sieht – das ist echt und nicht gespielt – diese Freude war wirklich magisch! Eine andere Szene, die ich sehr geliebt habe, war dieses Abendessen, wo der Chef nach Hause kommt. Das Abendessen entwickelt sich immer mehr in Richtung einer Katastrophe..., weil ich da so das Gefühl hatte, ich sehe einen Hollywood-Film aus den 60er-Jahren zu, die ich als Zuschauer so sehr schätze.“
Wann und wie fanden Sie heraus, was Sie später arbeiten möchten?
Laurent Tirard exklusiv zu Suite101.de: „Ich denke, dass ich mich mit zwölf Jahren entschied, eines Tages Geschichtenerzähler zu werden. Damals dachte ich, weil ich sehr viel las, dass ich einmal Schriftsteller werden würde. Etwas später entdeckte ich dann Comics. Da hab ich gedacht, das ist ja noch viel besser, hier haben wir Text und Bild! Und noch viel später entdeckte ich Kino. Ich war völlig erstaunt: da gibt’s Schauspieler! Das ist wirklich noch viel, viel besser! Da gibt es echte Menschen, da gibt es echte Dinge, Musik, Ton, Explosionen. Und mit 14 Jahren hab ich fest für mich entschieden, dass ich Filme machen werde.
Damals war mir noch gar nicht bewusst, dass mein Großvater eine sehr wichtige und große Rolle darin gespielt hatte, denn er hatte ein echtes Talent zum Geschichten erzählen. Häufig, bei Familientreffen, z.B. großen Abendessen, bat man ihn darum, auch etwas von seinen Geschichten zu erzählen. Das waren dann Kurzgeschichten, lustige Geschichten, Anekdoten. Alle waren fasziniert von seinen Fähigkeiten – auch ich. Ich glaube, mir ging’s auch darum, eine Tradition fortzusetzen. Ich wollte wirklich den gleichen Beruf machen. Ich wollte als Beruf: ‚Geschichten erzählen‘.“
Gibt es noch andere Helden Ihrer Jugend?
Laurent Tirard exklusiv zu Suite101.de: „Natürlich gibt es verschiedene Helden, die meine Kindheit begleiteten. ‚Tin Tin‘, ‚Spirou‘ und ‚Gaston Lagaffe‘ (Lagaffe heißt: das Missgeschick, die Peinlichkeit, das Ungeschick, das Unheil). Bei ‚LaGaffe‘ handelt es sich um eine Figur, die sehr faul ist, ein Typ, der in einem Büro arbeitet, der sehr ungeschickt ist, der die Ursache für viele, viele Katastrophen ist. Das sind alles Figuren, die sind in Frankreich sehr berühmt und diese begleiteten mich meine Kindheit hindurch!“
Erinnern Sie sich an Jugendstreiche, Schabernack, womit Sie Ihre Eltern verärgerten?
Laurent Tirard exklusiv zu Suite101.de: „Ja, davon gibt es sehr, sehr, sehr viel davon. Wenn ich an meine Kindheit zurück denke, dann glaube ich sogar, dass ich nur das gemacht hatte! Dazu muss man wissen, ich war sehr ungeschickt und gleichzeitig war ich neugierig. Fatale Mischung, weil immer, wenn ich etwas neu anfasste, ging es gleich kaputt. Also, wir waren zum Beispiel zu Gast bei irgendwelchen Leuten, die hatten etwas ganz Besonderes – ich fand es spannend, ich wollte mir das angucken, schwupps war’s kaputt! Dann bin ich natürlich ordentlich ausgeschimpft worden und zwar ziemlich regelmäßig. Ich machte auch viele Streiche! Wenn ich meinem Sohn das erzähle, der liebt es! Jetzt erzähle ich eine Geschichte, die sich wirklich so zugetragen hat. Vor einem Abendessen piekste ich einen Zahnstocher in einen der Sessel und dachte, das würde dann so zugehen wie in einem Comic-Strip: die Person, die sich darauf setzt, wird dann einen riesen Sprung nach oben machen und das war’s... Meine Mutter saß dann darauf und es hatte ihr auch sehr, sehr weh getan! Ich gestand, dass ich das war und bekam eine Ohrfeige und fand das so ungerecht, dass ich geohrfeigt wurde, da ich eigentlich auch dachte, mein Vater würde sich auf diesen Stuhl setzen. Daraufhin bekam ich von meinem Vater dann auch noch eine gescheuert!"
Das Buch „Der kleine Nick“ hat mittlerweile 50 Jahre auf dem Buckel, was macht es Ihrer Meinung nach so zeitlos?
Laurent Tirard exklusiv zu Suite101.de: „Als das Buch 1958/59 herauskam, da sagte Autor Rene Goscinny einmal darüber, dass dieses Buch eigentlich schon ziemlich altmodisch gewesen sei und relativ alt gewirkt haben muss. Es waren schließlich zwei Typen von dreißig, vierzig Jahren, die ihre Kindheitserinnerungen erzählten. Es war nicht die Kindheitserinnerung aus den 1950er Jahren, denn die Kindheitserinnerungen dieser Herren gingen auf die 1930er Jahre zu. Für die Zeitgenossen der 50er Jahre war das schon ein eher altmodisches Buch. Wenn wir uns den Film heute anschauen, haben wir den Eindruck, dass es sich um die Zeit in den 50er Jahren handelt.
Das zeitlose an dem Buch liegt wahrscheinlich daran, dass das Buch etwas ausstrahlt. Es strahlt eben nicht unbedingt die Epoche aus, sondern die Kindheit für sich. Wenn man das Buch liest, erinnert man sich leicht daran, was es bedeutet, Kind zu sein – unabhängig der Epoche – und man erinnert sich daran, wie die Welt aus Kinderperspektive ausgesehen hat.“
Planen Sie einen zweiten Teil von „Der kleine Nick“?
Laurent Tirard exklusiv zu Suite101.de: „Ja, das steht fest. Die Frage ist nur, wann. Wir haben bereits mit dem Drehbuch angefangen, es handelt sich um den kleinen Nick in den Ferien, wo er mit der gesamten Familie ans Meer fährt. Uns schwebt vor, etwas in Anlehnung und sehr verwandtes von der Atmosphäre her zu machen, den 'Ferien des Monsieur Hulot'.“
Lesen Sie auch das Interview mit Hauptdarsteller Maxime Godart!
Der Kinofilm "Der kleine Nick" startet bundesweit am 26. August 2010 im Verleih der Central Film
