
- Gotthold Lessing - Anton Graff, Wikimedia
Ihr Blick ist eine „Hölle von Verführung“. Mellefont möchte seiner Ex-Geliebten Marwood am liebsten ausweichen, um sich nicht wieder von ihr einwickeln zu lassen. Sie ist ihm bis ins Hotel hinterhergereist und versucht nun, den onkelhaften Abtrünnigen an ihre einst trunkene Liebe zu erinnern. Offenkundig hat sie es auf die Schwäche seines Fleisches abgesehen, denn sie redet vom „zitternden Erwarten der nahenden Wollust“ und vom „süße(n) Erstarren nach der Fülle des Genusses“. Mellefont wehrt ab, er möchte nicht mehr in diese erotische Knechtschaft zurückfallen, obwohl dieser Mann eher den Eindruck erweckt, als sei er weniger für Begierde als für Gutenacht-Geschichten am Kinderbett geeignet. Deshalb verwundert es nicht, dass sich der wackere Mellefont für die sanftmütige Sara entschieden hat, die als verspielte Kindfrau völlig ungefährlich ist.
Heiratspläne im Hotel
Herbert Schäfers Bühnenbild ist unkompliziert und rentnerkompatibel, zumindest fürs Auge. Für diejenigen, die den Raum mit seinen lilafarbenen Möbeln für eine fragwürdige Vergnügungsstätte halten, prangt in grüner Leuchtschrift „Hotel“ an der Wand. Damit keine visuelle Unterreizung einsetzt, wird das Zimmer mitunter mit einer Bar vertauscht, an der hauptsächlich alkoholfreie Erfrischungsgetränke gereicht werden. Geordnete Verhältnisse also, ideal für die flucht- und heiratswillige Sara (Anna Graenzer), die ihre tugendhafte Froschperspektive mit dem durchwachsenen Erlebnishorizont des leicht verbrauchten Mellefont (Michael Abendroth) verschmolzen hat. Sara hat auch einen Vater, und der hat nichts gegen die Heirat, aber etwas gegen die Flucht, die ihn nur noch einsamer machen würde. Im Original mischt sich der Vater zunächst brieflich ein, aber der Regisseur Krämer hat diese Figur einfach weggelassen, vermutlich, um die für Corinna Kirchhoffs Spieltrieb reservierte Bühne von lästigen Nebendarstellern freizuhalten. Corinna Kirchhoff spielt die Marwood als eifersüchtige Stiefellady, die das ganze Stück an sich reißt und ihre impulsiv aufsteigenden Kapricen hemmungslos ausagiert.
Intrigen und Lachanfälle
Aufgrund ihrer hochgeschraubten Eifersucht wird Marwood manchmal gar zu einer Erinnye, die einen Mann wiederhaben will, der weder durch eine raffinierte erotische Ausstrahlung noch durch eine besondere Strahlkraft auffällt. Sein Qualität liegt wohl in seiner wortkargen Normalität, die vor allem jene Frauen anzuziehen vermag, die ein überspanntes Wesen haben und einen farblosen Ruhepol benötigen. Sara Sampson trägt eine blonde Perücke und ist dermaßen kindlich überdreht, dass man bei ihren hysterischen Lachanfällen hofft, sie möge sich zur zwischenzeitlichen Ölung der Kehle einen Saft zu Gemüte führen. Da Krämer offensichtlich die scharfen Kontraste bevorzugt, können die beiden Frauen gegensätzlicher kaum sein: hier die dämonische, durchtriebene Marwood, dort die milde, weichherzige Sara, die in ihrer kindlichen Unschuld ein ausgezeichnetes Opfer für hinterhältige Manöver ist. Für Saras Auftritte ist eine Atmosphäre geschaffen worden, die an die amerikanische Filmindustrie der 50er Jahre erinnert. Nur einmal kommt es bei ihr zu krächzenden Schreikaskaden, als ihr das Intrigenspiel Marwoods bewusst wird und sie die wahre Identität ihrer Widersacherin erfährt. In dieser klassischen Dreierkonstellation – ein Mann zwischen zwei Frauen – wird Corinna Kirchhoff ein ausladender Brachialauftritt gewährt, bei dem sie zwischen jung gebliebener Verführerin und wütender viriler Matrone changieren kann.
Von der Verführerin zur Kampfwitwe
Bei ihren Rückeroberungsversuchen zieht Marwood alle möglichen Register, beispielsweise schiebt sie Mellefonts Hand unter ihre Bluse, was zwar das erloschene Feuer nicht wieder entfacht, dafür aber einen Zuschauer aus dem Saal treibt. Würde man den Handlungsverlauf nicht kennen, so müsste man annehmen, dass der überforderte erotisierte Mann irgendwann ihren Reizen hoffnungslos erliegt. Aber er hält stand und muss ein Messer abwehren, das Marwood gezückt hat, um dem Widerspenstigen endgültig das Licht auszublasen. Im Bemühen, Mellefonts Mitgefühl und Verantwortungsbewusstsein zu aktivieren, holt sie auch noch die gemeinsame Tochter Arabella heran, aber eine kurzzeitig geöffnete Kammer seines Herzens schließt sich sogleich wieder. Immer wieder kippt Marwoods verführerischer Elan um in das Gebaren einer ausgedienten Kampfwitwe, die mit sonorer Stimme einen grantigen Unterton anschlägt und damit gegen das Schicksal aufbegehrt. Corinna Kirchhoff schwingt sich wie in Peter Steins Faust II hoch in ätherische Höhen, gerät dann aber in den erhabenen Dünkel einer mediokren Gesellschaftsdame und macht schließlich einen Absturz zum verkrachten Hausdrachen. Sie hat das Zeug zur Femme fatale, prallt jedoch ab an einem Mann, der sich den inneren Werten verpflichtet fühlt. Am Ende vergiftet sie auch noch die dumme, aber großherzige Sara, die dadurch niemandem mehr - für was auch immer - verzeihen kann. Mit diesem zweifelhaften Finale lässt es Günter Krämer bewenden, obwohl das Stück bei Lessing noch weitergeht. Wer diese Inszenierung goutieren möchte, muss sich allein an Corinna Kirchhoff halten, deren Aktionen aber trotz der Brillanz auf Dauer etwas ermüdend sind.
Miss Sara Sampson
von Gotthold Ephraim Lessing
Regie: Günter Krämer, Bühne: Herbert Schäfer, Kostüme: Falk Bauer, Dramaturgie: Hermann Wündrich, Licht: Ulrich Eh
Mit: Corinna Kirchhoff, Michael Abendroth, Anna Graenzer, Anna Birkner/Wilhelmina Mischorr als Kind Arabella.
Premiere vom 27. Januar 2012 (Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause)
Bildnachweis: © Anton Graff/Wikimedia
