Wer baut die Steinpyramiden an der Isar?

Eine Steinstadt aus Isarkieseln bei Lenggries

11.02.2009 Andrea Weber

Die Isarpyramiden bei Lenggries - Andrea Weber
Die Isarpyramiden bei Lenggries - Andrea Weber
Fünfmal schon hat Karl Heinz Fett Stein um Stein aufgebaut, doch das Hochwasser schwemmt ihm immer wieder alles fort. Ein Porträt.

In der kleinen Küche steht der Qualm bis unter die Decke. Es duftet köstlich nach Pfannkuchen. Karl Heinz Fett gießt flüssigen Teig nach, bereitet den Nächsten zu. „Kochen kann ich gut, ja ja“, sagt er. Auf den Oberschränken der kleinen roten Küchenzeile sitzen Gummitiere; nebenan im Wohnschlafzimmer Stofftiere. Drei Pokale stehen hochglanzpoliert auf dem Heizungssims, weisen auf einen Sieger hin. Er hat sie nicht gewonnen, sondern gekauft. „Weil sie mir gefallen.“ Zu welcher Sportart sie gehören, ist ihm egal. Daneben liegen Isarsteine und Halbedelsteine. Genau genommen sind hier rund um das Gebäude der Lebenshilfe in Bad Tölz, wo Karl Heinz Fett seit acht Jahren wohnt, überall Isarsteine. Wie stumme Diener säumen Steinfiguren die Einfahrt und über einem Steinhügel im Garten wächst Efeu. Seit elf Jahren baut der heute 67-Jährige die „Isarpyramiden“ auf einer Sandbank bei Lenggries – nur bei schönem Wetter, Sommer wie Winter, von früh bis spät. Es ist keine Kunst, es ist sein Lebensinhalt.

Runde Isarkiesel aufeinander geschichtet

Stolz zeigt Fett, während er seinen Pfannkuchen dreht, auf ein gerahmtes Foto vom Isarwinkel. Darauf ist er zu sehen, steht wie ein kleiner Zwerg inmitten seiner Steingebilde. Es sind Figuren, Einfriedungen, Pyramiden – runde Isarkiesel einfach aufeinander geschichtet. Beinahe sieht es wie eine antike Ausgrabungsstätte aus, nur eben im Tölzer Voralpenland. „Die Pyramiden können 2,50 Meter hoch werden, je nachdem wie groß ich die Furche mache“, erklärt Fett, damit meint er den Durchmesser der Basisfläche am Boden, die er mit Steinen füllt, sie konisch nach oben aufschichtet, bis der Letzte an der Spitze den Abschluss macht. Eigentlich sind es Kegel und keine Pyramiden. Er lächelt bei der Frage, ob das nicht wieder zusammen falle. „Ich nehme jeden Stein in die Hand und spüre, wie er liegen muss. Das hält fest, ja ja“. Sieben Tonnen Steine schätzt Karl Heinz Fett, würde er pro Pyramide mit dem Schubkarren heran schaffen und etwa fünf Stunden bauen.

Die steinerne Stadt an der Isar

Solange noch ein Kieselstein oberhalb des sandigen Untergrundes liegt baut Karl Heinz Fett unermüdlich weiter. Es scheint, als ob er kein System hätte. Doch stimmt das nicht ganz. Denn er legt Wege an, zieht kreisförmige Mauern drum herum, stellt hier eine hohe Pyramide auf, dort eine niedrige – eine sieht aus, wie eine Kirche. Doch was er macht, macht er nur intuitiv. „Eine Stadt, ja, ja, das könnte schon sein.“ Das ist ihm prinzipiell egal, scheint ihn nicht zu interessieren. In den elf Jahren hat das Hochwasser schon fünf Mal alles zerstört. Das letzte Mal im Jahr 2005. Seit dem hat er schon wieder achtzig Steingebilde aufgebaut. Mehr würden es aber nicht mehr werden. Jetzt repariere er nur noch, wenn er täglich hier her komme, sagt er. „Weil die Leute das kaputt machen“. Er zuckt die Achseln. Die Gründe, warum sie das tun, kennt er nicht.

Seine Wegbegleiter sind die Steine

Heute ist er zuhause geblieben, es regnet in Strömen. Er teilt sich die beiden kleinen Zimmer in der Wohngemeinschaft der Lebenshilfe mit seiner Freundin Jutta. „Die baut keine Steinpyramiden, nein, nein.“ Er lebt gerne hier und ist zufrieden, so wie es ist. Das war nicht immer so. Karl Heinz Fett kennt schlimme Zeiten, wie er sagt. Der gebürtige Hamburger wuchs in Nordrheinwestfalen auf, arbeitete als Handlanger und später im Kohle-Bergbau. Er stand am Förderband und sortierte Steine aus der Kohle aus – scheinen irgendwie seine Wegbegleiter zu sein. Dann habe ihn 1982 die Schwester nach Wolfratshausen geholt. Es ging ihm nicht gut bei ihr, sagt er, und doch blieb er fünfzehn Jahre. „Dann bin ich weggelaufen“. Er lief nach Lenggries an die Isar. Dort lebte er eine Weile alleine im Wald in einem Zelt, bis ihn ein Freund zur Tölzer Lebenshilfe brachte. Damals habe er mit dem Steinebauen begonnen. Warum, das weiß er nicht. „Einfach nur so“, sagt Fett.

Inzwischen hat Karl Heinz Fett seine Pfannkuchen im Backofen warm gestellt und wartet auf seine Freundin Jutta. Später wollen sie Fernsehen oder DVD-schauen, wie jeden Abend. „Die neue Batmann-Edition habe ich mir gekauft“, sagt er stolz und zeigt auf das Dschungelbuch und Räuber Hotzenplotz. „Ich habe von allem etwas.“ Morgen früh will er wieder raus zur Isarsandbank. Er hofft, dass der Regen bis dahin nachgelassen hat. Wie immer wird er sich Proviant einpacken und mit dem Fahrrad von Bad Tölz nach Arzbach radeln, bis er beim Wegweiser – ein Pfeil aus Steinen – zu seiner Sandbank abbiegen wird. „Ich bin immer an der gleichen Stelle. Weil die Leute kommen und mir zuschauen.“ Das gefällt ihm.

Wenn das nächste Mal das Hochwasser wieder alles zerstören wird, dann werden die inzwischen legendären „Isarpyramiden“, die schon in Reiseführern beschrieben sind, für immer der Vergangenheit angehören. „Ich bin zu alt geworden. Nochmal werde ich sie nicht mehr bauen“, sagt Karl Heinz Fett.

Urheberrecht: Andrea Weber. Verwendung des Textes nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors.

  • Die Isarpyramiden bei Lenggries - Andrea Weber

    Die Isarpyramiden bei Lenggries - Andrea Weber

  • Steinskulpturen von Karl Heinz Fett - Andrea Weber

    Steinskulpturen von Karl Heinz Fett - Andrea Weber

  • Unermüdliches Bauen - Andrea Weber

    Unermüdliches Bauen - Andrea Weber

  • Sehenswerte Steinhügel - Andrea Weber

    Sehenswerte Steinhügel - Andrea Weber