Rezension: Daniel Kehlmann "Ruhm"

Der neue Roman nach seinem Bestseller „Die Vermessung der Welt“

18.01.2009 Jasmin Hambsch

Kehlmann: Ruhm - Rowohlt Verlag
Kehlmann: Ruhm - Rowohlt Verlag
Im Januar 2009 erschien Kehlmanns aktueller Roman. "Ruhm" sei eine Art Gegenentwurf zu dem abgerundeten Kosmos der "Vermessung der Welt", so Kehlmann in der „Welt".

Kehlmanns neuester Roman ist anders als sein Vorgänger, dies ist gewiss. Ein Vergleich mit dem Bestseller "Die Vermessung der Welt" ist daher wenig sinnvoll. Schon die Gattungsbezeichnung, die den Text als "Roman in neun Geschichten“ vorstellt, zeigt, dass "Ruhm“ keine einheitlich fortlaufende Romanhandlung mehr erzählt. Die erzählte Welt wird in einzelnen Geschichten präsentiert, die durch gemeinsame Figuren verwoben sind. Aber vor allem erwirken die Episoden in ihrer Gesamtheit das Thema des Romans: Hier wird Wirklichkeit zu Traum und Traum zu Wirklichkeit. Ein literarisches Konzept, das Kehlmann schon früher verfolgt hat. Nur wurde das experimentelle Moment in seinen früheren Romanen nicht so deutlich und deshalb häufig überlesen.

"Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten."

Eine zentrale Figur kreiert Daniel Kehlmann mit dem Schriftsteller Leo Richter. Richter verfolgt dasselbe Ziel wie der Autor Kehlmann: Einen "Roman ohne Hauptfigur“ zu schreiben. Als Vorlage für seine Figuren verwendet Leo ungeniert Personen aus seinem Lebensumfeld – und macht sie so zu literarischen Figuren. Dieses Vorgehen endet im letzten Kapitel überraschend mit einer Überschreitung der Fiktionalitätsebenen. Die Gemeinsamkeit aller Figuren liegt in der Auseinandersetzung mit der Erkenntnis: "Wir sind immer in Geschichten." Kehlmann verknüpft diese These mit der Frage, welche Auswirkungen die Medialisierung der Welt auf den Menschen hat.

Kehlmann spielt mit Realität und Fiktion

Der gelangweilte Ehemann Ebling findet sich in der Geschichte eines fremden Mannes wieder, in die er durch fehlerhafte Telefontechnik hineingezogen wird. Dem TV-Star Rolf Tanner bietet sich durch eine Verwechslung die Möglichkeit, seine Lebensgeschichte abzulegen. Die Figur der totkranken Rosalie bittet ebenenüberschreitend den Erzähler ihrer Geschichte um ein Happy End. Ein Internetblogger wünscht sich nichts sehnlicher, als aus seiner realen Welt zu entkommen und in eine fiktionale einzugehen. Der Abteilungsleiter in einem Mobiltelefonkonzern reizt die Möglichkeiten der modernen Kommunikationstechnik aus, um sein Doppelleben aufrechtzuerhalten. Die Lügen, die er seiner Frau und seiner Geliebten auftischt, um seine Abwesenheit zu erklären, werden für ihn bald selbst real. Und umgekehrt werden die Tatsachen seines Lebens mitunter zu einem unwirklichen Traum. "Man spricht aus dem Nirgendwo, man kann überall sein, und da sich nichts nachprüfen läßt, ist alles, was man sich vorstellt, im Grunde auch wahr.“ Prinzipiell ist es möglich, alle Episoden als Einzelgeschichten zu lesen. Die Komplexität und der volle Sinngehalt des Romans zeigen sich jedoch erst, wenn man die metafiktionale Ebene miteinbezieht.

Zurück zur literarischen Avantgarde?

Auch wenn das Buch auf den ersten Blick als gegensätzlich zu allem bisher Geschaffenen erscheint, liegt eine Kontinuität im Schaffensprozess Kehlmanns. Im Grunde treibt Kehlmann auf die Spitze, was er auch schon in seinen anderen Roman erprobt hat: die gefühlte Wirklichkeit seiner Figuren zu Wirklichkeit zu machen. Die theoretische Frage nach der Gestaltung von literarischen Welten wird dieses Mal auf formaler Ebene des Romans miteinbezogen und auch inhaltlich zum zentralen Thema gemacht. Kehlmanns Spiel mit den Strukturen nimmt hierbei avantgardistische Züge an. Kehlmann gibt an, mit "Ruhm“ auf die literarischen Vorreiter zurückzugreifen. Er nennt jedoch die amerikanische Avantgarde als Vorbild, nicht die österreichische ("Welt“).

"Ruhm" ist ein sehr gelungenes Buch

Die Komposition tritt im Verlauf des Romans immer deutlicher in den Vordergrund. Trotz Einzelepisoden kann so tatsächlich der Eindruck eines großen Ganzen gewonnen werden. Stilistisch überzeugt dieser Roman, wie auch seine Vorgänger, sehr. Der Autor erschuf einmal mehr ein Kunstwerk aus Poesie, Witz und Ironie.

Daniel Kehlmann: Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten. Rowohlt Verlag 2009. Gebunden, 208 Seiten. Euro 18,90.

Urheberrecht: Jasmin Hambsch. Verwendung des Textes nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors.

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