Der Erste Weltkrieg (1914-1918) im ÜberblickStellungskrieg, Heimatfront und Wirkungsgeschichte24.09.2009 Richard Sautmann
Kriegsausbruch 1914 - Sammlung Sabine Giesbrecht
Der Erste Weltkrieg, die „Urkatastrophe“ (George F. Kennan) unserer Zeit, „war ein unerwartetes und ungeheures, tief veränderndes Ereignis. Schon die politisch-sozialen und die technischen Neuerungen der vorhergehenden Jahrzehnte hatten das Leben der Menschen verändert, in ihren direkten Wirkungen und in Nebenwirkungen, im Guten wie im Schlechten. Aber durch die Toten und Verstümmelten des Krieges, durch Hunger und Verarmung ist das menschliche Leiden ungleich vermehrt, das ganze Leben durch Erschütterung und Zerstörung verwandelt worden, gerade in den Teilen der Welt, die sich als die zivilisiertesten betrachteten“ (Michalak). Kriegsschauplätze waren Europa und der Nahe Osten, Afrika und Ostasien, Kriegsbeteiligte gab es auf der ganzen Welt. Der Erste Weltkrieg als EpochenzäsurBis heute gilt der Erste Weltkrieg als entscheidende Epochenzäsur. Er markiert den Untergang der mitteleuropäischen Monarchien ebenso, wie den Aufstieg großer kommunistischer und faschistischer Massenbewegungen in Europa. Der Sieg des Bolschewismus in Russland, der Aufstieg eines faschistischen Regimes in Italien, die Machtübernahme der NSDAP in Deutschland und die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges, all dies führt ursächlich auf den Ersten Weltkrieg zurück. An seinem Ende war das historische Europa erledigt, und an seinen Rändern entstanden mit der Sowjetunion und den USA neue Mächte, deren Konfliktlagen bis Ende der 80er Jahre die Weltpolitik bestimmen sollten. Auch in seiner Brutalität war der Erste Weltkrieg eine Epochenzäsur. Er gilt als erster industriell geführter Massenvernichtungskrieg, in dem alle volkswirtschaftliche Kraft für die kriegswirtschaftliche Produktion aufgewendet wurde. Materialschlachten ungeahnten Ausmaßes waren die Folge, wahre „Blutmühlen“, etwa vor Verdun und an der Somme. Insofern war der Erste Weltkrieg auch das historische Vorbild für den von Goebbels 1943 ausgerufenen „Totalen Krieg“. Millionenheere lagen sich über Jahre im Stellungskrieg gegenüber, die auszurüsten es eine umfassende Kriegswirtschaft bedurfte, die wiederum nur auf Kosten der zivilen Wirtschaft und der Überlebensbedürfnisse der Bevölkerung zu realisieren war. Vom Bewegungs- in den StellungskriegIm Deutschen Reich musste man seit Jahren schon von einem drohenden Zweifrontenkrieg ausgehen. Zur Führung eines solchen Krieges verblieb als einzige strategische Option nur der so genannte „Schlieffenplan“. Ziel war es, durch eine Massierung der Kräfte im Westen zu einem schnellen Sieg über Frankreich zu kommen. Um dabei den schweren Befestigungswerken an der deutsch-französischen Grenze zu entgehen, marschierten die deutschen Heere durch das neutrale Belgien, was wiederum Großbritannien auf die Seite der deutschen Kriegsgegner brachte. Während die deutsche Heeresleitung versuchte, im Westen eine schnelle Entscheidung zu erzwingen, sollte die Ostfront nur mit schwachen Kräften gehalten werden. Erst nach einem Erfolg im Westen war geplant, frei werdende Truppen gegen Russland zu schicken, um auch hier den Krieg zu gewinnen. Letztlich blieb der deutsche Vormarsch aber schon an der Marne stecken, und aus dem Bewegungskrieg im Westen wurde ein Stellungskrieg. In Russland hingegen sollten die deutschen Verbände tatsächlich Siege erringen, die aber selbst nach dem Friedensschluss mit Russland keine zusätzlichen Kräfte für die Westfront freisetzten. Dort zog sich der Krieg unter unterhörten Opfern bis Ende 1918 hin. Hungern an der „Heimatfront“Zu den wesentlichsten Aspekten des Lebens an der „Heimatfront“ im Ersten Weltkrieg zählte die stete Mangelwirtschaft, zu der die Bevölkerung gezwungen wurde. Im Kern war sie eine Folge der alliierten Seeblockade, die Anfang 1915 zu ersten Rationierungsmaßnahmen beim Brotgetreide zwang, die wiederum zu erheblichen Preissteigerungen am Markt führten. Es folgten Teuerungswellen für Frischwaren, insbesondere für Milch- und Fleischprodukte in der zweiten Jahreshälfte 1915, die schließlich zur Einführung von Höchstpreisen zwangen. Diese wiederum stießen in ihrer Höhe auf die Kritik der Verbraucher. Letztlich sollte es nie gelingen, das Preisniveau zu stabilisieren, weil die Ware bei allzu geringen Höchstpreisen sogleich vom Markt verschwand, so dass auch die Höchstpreise einer beständigen Steigerung unterworfen wurden. Damit verbunden war ein dauernder, erheblicher Anstieg der Lebenshaltungskosten, was wiederum die Verbraucher zu Protesten hinriss. Ein strenges Rationierungs- und Verteilungssystem auf Grundlage eines Kartensystems setzte sich im Zuge einer dramatischen Versorgungskrise bei Brot und Fleisch im Frühjahr 1916 endgültig durch. Jedoch sollte eine Reihe systemimmanenter Schwachstellen für erhebliche Verbitterung unter den Verbrauchern sorgen, die oftmals über Stunden von Geschäft zu Geschäft hetzen mussten, um ihre Rationen auch tatsächlich zu erhalten. Erhebliche Reibereien zwischen Einzelhandel, Verbrauchern und lokalen Verteilungsstellen dramatisierten die Versorgungslage noch zusätzlich. Hinzu kam die Unzufriedenheit mit einem allzu komplizierten, extrem unflexiblen Kartensystem sowie mit den stetig steigenden Preisen. Allein die Kosten für Vollmilch, die für Normalversorgungsberechtigte ohnehin nicht mehr zu bekommen war, sollten sich im Verlauf des Krieges verdreifachen, Fleisch verdoppelte sich im Preis, Butter war 1918 dreimal so teuer wie noch bei Kriegsausbruch und im regulären Handel kaum noch erhältlich. Viele andere Ge- und Verbrauchsgüter wie zum Beispiel Kohlen, Schuhe, et cetera wurden exorbitant teuer und waren bald auch „auf Karte“ kaum mehr zu bekommen. Eine echte Hungernot brachte der "Streckrübenwinter" 1916/17 und eine Unzufriedenheit mit der Versorgungslage machte sich breit, die letztlich mit dazu führte, dass die Revolution des November 1918 im Lande auf so gut wie keinen Widerstand stieß. LiteraturtippWolfgang Michalak (Hg.), Der Erste Weltkrieg, München 1994 Urheberrecht: Richard Sautmann. Verwendung des Textes nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors.
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