Craig Russell – Thriller "Brandmal"

Der Hamburger Kommissar Jan Fabel jagt einen brutalen Serienkiller

03.12.2009 Uwe Wolfrum

Craig Russell: Brandmal - Bastei Lübbe
Craig Russell: Brandmal - Bastei Lübbe
In seinem dritten Abenteuer "Brandmal" jagt der Hamburger Kommissar Jan Fabel einen brutalen Serienkiller, der es auf ehemalige Terroristen abgesehen hat.

Oktober 1985, Bahnhof Nordenham, 145 km westlich von Hamburg. Eine Familie wartet auf den nächsten Zug. Vater, Mutter und Sohn wirken sehr nervös und auf der Flucht. Bald kommen weitere Menschen hinzu – und mit einer falschen Bewegung sterben bei einem Feuergefecht zwei Menschen, und der Junge sieht dabei zu.

Hamburg, Gegenwart: In der Hansestadt geht ein Serienkiller um, der seine Opfer skalpiert und ihre Haare rot färbt. Kommissar Jan Fabel und sein Team werden auf den Fall angesetzt. Bald kommt ihm der Verdacht, dass die Morde etwas mit der RAF-Terroristenszene der Siebziger Jahre zu tun haben, da die Opfer allesamt ehemalige 1968er-Aktivisten waren.

Brandmal – die Spur des "Roten Franz" in Vergangenheit und Gegenwart

Der Anführer einer brutalen Subgruppe der Terroristen, der "Rote Franz", ist damals mysteriös ums Leben gekommen. Viele Leute verschwanden später, und alles deutet auf einen Rachefeldzug hin. Dazu erhält Fabel Hinweise, dass eine bei historischen Ausgrabungen gefundene Mumie eine Rolle spielen könnte – oder liegen die Motive vielleicht noch weiter in der Vergangenheit?

In Craig Russells drittem Roman um den Hamburger Kriminalkommissar Jan Fabel und sein Team geht es wie in den beiden Vorgängern "Blutadler" und "Wolfsfährte" um einen brutalen Serienkiller, der die beschauliche und malerische Touristen- und Hansestadt in Panik versetzt.

Diesmal skalpiert der Täter seine Opfer, häutet sie teilweise und färbt ihnen die Haare mit roter Farbe. Zudem versteht er sich auf archäologische und forensische Techniken und führt Fabels Team an der Nase herum. Falsche Spuren werden gelegt, ein Augenzeuge brutal beseitigt, und schließlich eröffnet der Mörder sogar die Jagd auf Fabels Team und versetzt die Ermittler in zusätzliche Panik.

Ein Serienkiller tötet und skalpiert seine Opfer in Hamburg

Jan Fabel hingegen entdeckt vielseitige Spuren, die auf den Mörder hinweisen. Die Mumie, die bei Ausgrabungen in der Hansestadt entdeckt worden ist, wird von Archäologen "Roter Franz" getauft. Dazu häufen sich Hinweise auf eine esoterisch angehauchte Öko-Terroristengruppe im Hamburg der 1970er Jahren, deren ehemalige Mitglieder heute allesamt große Namen in Politik, Kunst und Wirtschaft sind. Und bald entdeckt Fabel nacheinander einen Zusammenhang zwischen diesen merkwürdigen Spuren und den Bluttaten in seiner Heimatstadt.

Craig Russell, geboren 1956 im schottischen Fife, dem Ort, aus dem schon Ian Rankins Serienheld Inspector Rebus stammt, ist ein germanophiler Brite. Er zeigt sich begeistert von der deutschen Landschaft, Geschichte und Kultur, vor allem von Hamburg und Norddeutschland. Russell spricht fließend Deutsch, hat das Land mehrfach bereist und für seine Jan-Fabel-Krimireihe vom Hamburger Polizeipräsidenten einen Ehrenstern für die Verdienste um die Hamburger Polizei verliehen bekommen.

Jan Fabel – ein "typisch" norddeutscher Kriminalkommissar?

Jan Fabel ist ein typischer Norddeutscher mit englischer Mutter und trägt deshalb deutliche britische Züge. Der Polizist tritt stets gut gekleidet, diskret, kultiviert und manchmal auch blasiert auf, ein typischer Vertreter der hanseatischen Oberschicht.

Trotz seines bürgerlichen Berufs pflegt er einen eher luxuriösen Lebensstil mit teurem Auto, einer Wohnung an der Alster in Pöseldorf und teuren Edelrestaurants in Eppendorf, wie man es eher von englischen Äquivalenten wie James Bond erwarten würde. Seine Tochter führt er zum Shoppen auf die Luxusmodemeile am Neuen Wall aus, und nur gelegentliche Ausflüge an die Würstchenbude eines ehemaligen Kollegen am Hafen zeugen von einer gewissen Volksnähe.

Dieser üppige und edle Lebensstil, dem selbst in der reichen Hansestadt allenfalls die oberen 5% nachgehen, entspricht der Vorstellung Russells eines typischen Hamburger Kommissars, auch wenn er sich damit weit von der Realität entfernt.

Kommissar Jan Fabel – unentschlossen zwischen Beruf und Privatleben

Dennoch ist Fabel ein vielschichtiger und interessanter Charakter, der hier, ähnlich wie im Debütroman "Blutadler", deutlich mehr Raum für sein Privatleben und persönliche Entwicklungen eingeräumt bekommt. Seine Unentschlossenheit zwischen Berufsleben, einer Zukunft jenseits des Polizeiapparates und dem Drängen seiner Freundin und Kollegin Susanne auf ein gemeinsames Zusammenleben nimmt hier einen großen Platz ein, der gerade in der ersten Hälfte des Romans den Erzählfluss öfters unterbricht. Dazu taucht der Bösewicht aus "Blutadler" wieder auf, der im Debütwerk Fabels Team und vor allem seiner Mitarbeiterin Maria Klee, die er in seiner Gewalt hatte, deutlich zugesetzt hat.

Im Gegensatz zum gradlinigen und hochspannenden zweiten Werks "Wolfsfährte", in dem ein Psychokiller mordend nach Motiven der Märchen der Gebrüder Grimm durch de Stadt zieht, gerät die Tätersuche in "Brandmal" anfangs leider öfters ins Stocken. Erst in der zweiten Hälfte verdichtet sich die Spannung, persönliche Nebenhandlungen werden ausgeblendet, und die Jagd nach dem Täter und der Wahrheit sowie ein persönlicher Wettkampf zwischen Fabel und dem Serienkiller nehmen den Leser wieder wie in den Vorgängerromanen gefangen.

Das typische und untypische Deutsche in Craig Russels Roman

Dazu wird wie bei Russell gewohnt das wunderschöne Hamburg illustriert beschrieben – diesmal mit einem Fokus auf das buntem, alternative Schanzenviertel nahe St. Pauli. "The Eternal", so der englische Originaltitel, erschien 2007 in Großbritannien, im Frühjahr 2008 als deutsches Hardcover und Hörspiel und diesen Sommer auch als Taschenbuch.

Mit der Erscheinen der deutschen Hardcover-Version 2008 wurde "Brandmal" von vielen Kritikern verrissen, was wohl an der gewagten Verquickung der vielen unterschiedlichen deutschen Themenkomplexe liegt. Altdeutsche Heidenbräuche, historische Ausgrabungen, RAF-Terrorismus, ökologischer Lifestyle, die konservative hanseatische Gesellschaftsschicht, touristische Attraktionen, norddeutsche Bilderbuchkulissen und der alternative Lifestyle in deutschen Großstadtvierteln werden in diesem Roman aus der Hand eines Schotten miteinander verwoben und mit einem Serienkillermotiv angloamerikanischer Prägung bestückt.

Craig Russell – der Blick eines Briten auf die deutsche Geschichte und Kultur

In der Tat unterscheidet sich der Blick des Briten auf Deutschland von dem eines deutschen Thrillerautors. Seine Begeisterung für alles Deutsche - ob die mystische Historie der Germanen, das Dritte Reich, die deutsche Teilung, der Terrorismus der Siebziger Jahre oder die gegenwärtige Politik - werden vermengt mit touristischen Attraktionen und einigen Klischees des "typischen Deutschen".

Als ausländischer Autor hat Craig Russell aber auch einen weitaus neutraleren, unbefangeneren und begeisterungsfähigeren Blick auf die deutsche Geschichte, den Alltag und die Kultur der Bundesrepublik. Auch sein schottischer Autorenkollege Philip Kerr ließ in seinen Berlin-Romanen schon mal einen Privatdetektiv inkognito in einem KZ ermitteln, was sich ein hiesiger Autor niemals erlaubt hätte.

"Brandmal" - der Roman offenbart seine Stärke erst am Schluss

"Brandmal" ist jedenfalls trotz seiner Nebenstränge, drei Zeitebenen und Verweisen auf die ersten beiden Jan-Fabel-Romane ein spannender Serienkiller- und Kriminalroman, der den Leser durch die Kulissen Hamburgs auch jenseits des Mainstreams führt – wenn auch nicht mit der gradlinigen Konsequenz von "Wolfsfährte", wohl einem der besten Serienkillerromane der letzten Jahre schlechthin.

Russells vierter Roman um Jan Fabel, "Carneval", liegt bereits als Hardcoverband vor. Insgesamt soll die Reihe auf zehn Bände ausgebaut werden, wie es bereits seine schwedischen Krimikollegen Sjöwall und Wahlöö (Martin Beck), Henning Mankell (Kurt Wallander) und Hakan Nesser (Kommissar van Veeteren) mit ihren Serienhelden gehandhabt haben. Und bei den spannenden Entwicklungen dieser Helden wird man sicherlich auch in den kommenden Jan-Fabel-Romanen noch einige spannende Fälle und Entwicklungen des Titelhelden zu lesen bekommen.

Craig Russell: Brandmal. Bastei Lübbe 2009. Broschiert, 413 Seiten. 8,95 Euro.

Urheberrecht: Uwe Wolfrum. Verwendung des Textes nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors.

  • Craig Russell: Brandmal - Bastei Lübbe

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  • Der schottische Autor Craig Russell - CraigRussell.com

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  • Craig Russell: The Eternal (englisches Original) - Hutchinson Books

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